Die Kunst, sich zu verfahren – Warum ungeplante Motorradreisen die besten Abenteuer sind

Die Kunst des Verfahrens

Das Abenteuer beginnt, wo die Planung endet!

Warum sind ungeplante Motorradreisen die besten Abenteuer? Wer mich kennt, weiß, dass ich gerne plane. Im Job plane ich. Im Alltag plane ich. Auf Reisen plane ich. Eigentlich plane ich ständig irgendetwas. Auch meine letzten größeren Motorradtouren waren detailreich vorbereitet.

Stundenlang saß ich vor Garmin BaseCamp, legte POIs aus meiner Bucket List an, plante die ultimativen Kurvenrouten, optimierte Wegpunkte, kürzte Etappen und plante fast jeden Tag bis ins Kleinste durch.

„Huhi, .. was hab ich dort eine Zeit investiert.“

Die eigentliche Herausforderung begann jedoch erst nach der Planung und wer meinen Youtube-Kanal verfolgt hat weiß, dass ich ein leidgeplagter Garmin-User war. Denn die sauber erstellten Routen mussten auf das Navigationsgerät (Zumo XT2) übertragen werden und das entpuppte sich regelmäßig als Geduldsspiel. Stunden vergingen allein dafür, die Daten korrekt auf das Gerät zu bekommen. So hantiert man mit mehreren Apps und trotzdem erkennt der Mac M1 das Zumo XT2 nicht. Auch der indirekte Transfer auf die Speicherkarte und anschließend in das Zumo XT2 war nicht immer von Erfolg gekrönt. Das nachträgliche Auslesen der Routen, aber auch der Tracks wurde mehr und mehr zum Glücksspiel. 

Während ich zuhause noch überzeugt war, jede Strecke geplant zu haben, stand ich unterwegs plötzlich vor einem Bildschirm „Route wird berechnet – 95%“ und es ging einfach nicht weiter. Von den ständigen Aussetzern und den regelmäßigen Neustarts des Geräts rede ich besser gar nicht erst. 

Ja, es macht einen fast Wahnsinnig. Da gibt man viel Geld für ein angeblich „TOP Gerät“ aus, man plant bis ins kleinste Detail und dann – beginnt das Abenteuer.  

Mittlerweile habe ich jedoch gelernt, für solche Momente Dankbar zu sein.

Dankbar – wenn es nicht funktioniert?

Ja!

Ich rege mich immer seltener über Dinge auf, die ich in diesem Moment eh nicht ändern kann. Und bei genauerer Betrachtung, sind es doch gerade diese Momente, die das Leben spannend machen und zum Abenteuer werden lassen.

Du bist irgendwo in der Pampa und plötzlich lädt das Navi die nächste Route nicht.

Was machst Du da?

Ja, man fährt weiter.
Nicht nach Karte.
Nicht nach Track.
Sondern nach Gefühl.
Nach einem inneren Kompass.

Links sah interessant aus. Also links.

Die kleine Straße am Waldrand wirkte spannender als die Bundesstraße. Also hinein.

Der Feldweg hinter dem Dorf versprach Neugier. Also los.

Und genau auf diesen ungeplanten Wegen entstanden einige meiner schönsten Erinnerungen.

Versteckte Täler, einsame Bergstraßen, kleine Dörfer, die niemals auf meiner Route standen. Aussichtspunkte, die kein Reiseführer erwähnt. Momente, die man nicht planen kann, denn das Leben hält sich selten an GPX-Dateien. 😉

Die Macht der Akzeptanz

Natürlich gab es auch die andere Seite. Manchmal wurde aus einer harmlosen Straße plötzlich ein Schotterweg, dann ein immer schmalerer Weg. Dann folgte ein Waldweg. Dann ein ausgewaschener Pfad. Und am Ende folgte die  Erkenntnis:

Ups, … hier kommst Du wohl alleine nicht mehr weiter. 

Früher hätte ich „Schei.e“ gebrüllt, heute lache ich innerlich, weil ich etwas begriffen habe:

Ich habe wieder etwas entdeckt und gelernt.

Ich habe gelernt, wie es nicht funktioniert, oder wo es nicht weitergeht und eine neue Chance erhalten es anders zu machen. Dann sucht man sich halt einen anderen Weg. Immer weiter – heiter weiter. 

Das bedeutet Freiheit. Um diese Freiheit zu erlangen, muss man die Situation akzeptieren.

Aber auch Verantwortung.

Es gibt Momente, in denen Vernunft wichtiger ist als Abenteuer.

Und sobald du die Situation akzeptierst – drehst du dich um und machst weiter. Die Gedanken nicht bei  gewesenem sondern im jetzt – nach vorne gerichtet.

Nicht weil man verloren hat.
Sondern weil man etwas daraus gelernt hat. Hoffentlich hat man daraus gelernt. Denn wer immer wieder dieselben Entscheidungen trifft, muss sich nicht wundern, wenn er immer wieder dieselben Fehler macht und dieselben Ergebnisse produziert.  

Auch das gehört zum Reisen, als auch zum Leben dazu. Sobald man die Situation akzeptiert ist sie nicht mehr schlimm und das Leben geht weiter.

Eine ungeplante Motorradreise ist das beste Abenteuer

Ein anderes System

Für meine aktuelle Tour sieht die Sache etwas anders aus. Aber nur leicht anders.

Inzwischen nutze ich ein Carpuride-System in Verbindung mit der App Kurviger. Bis jetzt funktioniert das erstaunlich reibungslos. Die Planung ist einfacher geworden und nicht mehr so detailreich, was großzügigen Spielraum für Abenteuer lässt. Die Übertragung funktioniert genau so einfach, wie man es sich eigentlich immer gewünscht hätte.

Falls dich das Thema interessiert, findest du dazu einen ausführlichen Artikel hier auf Roman-ADV.
Oder auf Youtube: hier 

Und trotzdem:

Ich bin gar nicht böse, wenn eine Route mal nicht funktioniert. Na klar, ich möchte gewisse POIs von meiner „Bucket List“ streichen und das werde ich – wenn auch über „Umwege“. 

Inzwischen weiß ich, dass Umwege oder Missgeschicke oft die eigentlichen Highlights einer Reise sind, an die man sich noch Jahre danach erinnert und das Herz erwärmen. Ich bin sicher du verstehst genau was ich meine. 

Manchmal liegt die Perle nicht auf der geplanten Strecke, sondern abseits des Weges.

Je länger ich unterwegs bin, desto mehr erkenne ich, dass Motorradreisen erstaunlich viel mit dem Leben und der Persönlichkeitsentwicklung gemeinsam haben. Früher ging man davon aus, dass man mit 30 der Mensch ist, der man bleib. Heute weiß man, dass man sich gerade im Alter noch einmal nahezu radikal ändert. „Wer mit 50 die Welt noch so sieht wie mit 20, der hat 30 Jahre seines Lebens verschwendet.“ *Bodo Schäfer

Wir versuchen ständig alles zu kontrollieren, gerade in der heutigen Gesellschaft.
Wir planen.
Wir organisieren.
Wir rechnen.
Wir bereiten uns vor.

Dabei entsteht häufig die Illusion, dass wir dadurch die Kontrolle haben und Sicherheit gewinnen. Doch die spannendsten Momente die Dir wirklich Fähigkeiten abverlangen, dich bilden, dich wachsen lassen – diese neuen Skills entstehen selten innerhalb des Plans. Und so kommt es wie es kommen muss: Wer die Freiheit gegen Sicherheit eintauscht, verliert am Ende beides. Nicht schlagartig – schleichend!

Im Gegenzug entsteht Freiheit dort, wo wir loslassen.

Lass das alte System los und erschaffe dir ein neues. 

Die Energie folgt der Aufmerksamkeit

Dabei spielt etwas eine entscheidende Rolle:

Unser Fokus.

Worauf richten wir unsere Aufmerksamkeit.

Viele Menschen denken:

„Hoffentlich regnet es nicht.“
„Hoffentlich passiert kein Unfall.“
„Hoffentlich geht nichts kaputt.“
„Hoffentlich werde ich nicht überfallen“ oder
„Hoffentlich kommt kein wildes Tier ins Zelt“

Sie beschäftigen sich gedanklich mit all den Dingen, die schiefgehen könnten.

Und plötzlich scheint die Welt voller Probleme zu sein. 

Jeder Regentropfen nervt.
Jede Verzögerung ärgert.
Jede Schwierigkeit bestätigt die eigenen Befürchtungen und man bekommt immer mehr davon. 

Und manche fahren erst gar nicht los.  

Doch man kann den Fokus auch anders setzen. GANZ ANDERS!
Das Universum wertet nicht, es hört auf dich, was Du dir wünschst – womit du dich beschäftigst, wo dein Fokus liegt – da geht die Energie hin. 

„Ich werde heute etwas Neues entdecken.“
„Ich werde interessante Menschen kennenlernen.“
„Ich werde Erinnerungen sammeln.“
„ICH BIN – offen für …. „
„ICH BIN – neugierig.“ 
„Alles ist gut wie es ist.“

„Danke, dass auch dieser Tag weitere Erfahrungen für mich bereit hält“

Dankbarkeit und Fokus sind ein Schlüssel im Leben. Mit dieser Haltung verändert sich nicht die Welt.
Mit dieser Haltung ändert sich die Art, wie wir die Welt wahrnehmen und was wir in unser Leben ziehen. 

Und genau dadurch verändert sich oft die Erfahrung selbst.

Es ist der Algorithmus des Lebens, vergleichbar mit dem Algorithmus im Internet. Wer nach Schönheit in einer Welt der Fülle und nach Dingen von Interesse sucht, findet Schönheit in Hülle und Fülle sowie die Dinge, die ihn interessieren!

Wer nach Problemen sucht und Mangel leidet, der zieht Probleme und noch mehr Mangel an. Durch seinen Fokus zieht er die Dinge die er eigentlich gar nicht will, auf magische Weise immer stärker in sein Leben.

Die Welt ist ein Spiegel deiner selbst. 
Wo auch immer der innere Fokus liegt (Angst, Zuversicht, Mangel, Fülle), so wird sich entsprechend das Gewünschte im Außen zeigen.  

Fazit

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse, die mir das Reisen auf dem Motorrad geschenkt hat:

„Verfahren ist nichts Negatives!“

Es ist lediglich eine Abweichung vom ursprünglichen Plan.

Mehr nicht.

Ob daraus ein Problem wird oder ein Abenteuer, entscheidet oft die eigene Perspektive – die innere Einstellung. Und das gilt für das Reisen, als auch für alle Bereiche im Leben. 

Manchmal muss man aufhören, krampfhaft den „richtigen“ Weg zu suchen und stattdessen wieder neugierig werden, wohin der vermeintlich „falsche“ Weg führt. 

Durch die Kunst des Verfahrens lernen wir das Loslassen, denn nicht jede Sackgasse ist ein Fehler. Sackgassen sind Erfahrungswerte – sie lehren und bereichern.

Wenn dir nicht gefällt, was du siehst, ändere die Perspektive.

Wenn dir nicht gefällt, was du in dein Leben ziehst, ändere deinen Fokus.

Und wenn du dich das nächste Mal auf deiner Motorradtour verfährst, dann halte vielleicht kurz an, atme durch und schau dich um.

Vielleicht bist du gar nicht falsch.

Vielleicht bist du genau dort gelandet, wo du sein solltest.

Planung ist hilfreich – doch das Leben beginnt dort, wo die Planung endet. 

Nach oben scrollen